Zöliakie – Neue Erkenntnisse aus der Forschung geben Hoffnung auf bessere Behandlungsmöglichkeiten
Auf großes Interesse stieß eine Informationsveranstaltung rund um das Thema Zöliakie, die kürzlich in der Kinderklinik St. Marien stattfand. Oberarzt Harald Engelhardt, Leiter der Kindergastroenterologie in der Kinderklinik, begrüßte mehr als 100 Teilnehmende, darunter Vertreter der Selbsthilfegruppe, zu einem Abend, der aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse mit praxisnahen Informationen für Betroffene und Angehörige verband.
Ebenfalls hieß er die drei renommierten Referenten Dr. Jörg Felber, Prof. Dr. Dr. Detlef Schuppan und Prof. Dr. Katharina Scherf willkommen, die das Thema Zöliakie aus unterschiedlichen wissenschaftlichen und medizinischen Perspektiven beleuchteten.
Zöliakie: Früher erkennen, besser verstehen und Betroffene stärker unterstützen
Dr. Jörg Felber aus Rosenheim beschäftigte sich in seinem Vortrag mit der aktuellen Diagnostik, der neuen Zöliakie-Leitlinie, dem fehlenden Früherkennungs-Screening und den gesellschaftlichen Herausforderungen. Dabei wies er auf die nach wie vor unzureichende gesellschaftliche und finanzielle Unterstützung der Betroffenen in Deutschland hin. Internationale Vergleiche zeigen, dass eine weitere Sensibilisierung für das Krankheitsbild der Zöliakie dazu beitragen kann, die Erkrankung hierzulande frühzeitiger zu erkennen und eine gezielte Diagnostik einzuleiten.
Eine Erkrankung mit vielen Gesichtern
Zöliakie ist keine gewöhnliche Lebensmittelunverträglichkeit, sondern eine chronische Autoimmunerkrankung. Bei Betroffenen löst Gluten, ein Eiweißbestandteil in Weizen, Roggen und Gerste, eine Immunreaktion aus, die die Schleimhaut des Dünndarms schädigt. Dadurch kann die Aufnahme wichtiger Nährstoffe beeinträchtigt werden.
Die Beschwerden sind vielfältig: Bauchschmerzen, Durchfall und Blähungen gehören ebenso dazu wie Müdigkeit, Eisenmangel oder Erschöpfung. Bei Kindern können Wachstums- und Entwicklungsstörungen auftreten. Manche Betroffene haben kaum erkennbare Beschwerden, obwohl der Darm bereits geschädigt ist. Gerade diese unterschiedlichen Erscheinungsformen erschweren eine frühzeitige Diagnose.
Erst die Diagnose – dann glutenfrei!
Eine der wichtigsten Botschaften Felbers lautete: Wer eine Zöliakie vermutet, sollte keinesfalls vorschnell auf glutenfreie Ernährung umstellen. Zuerst muss die Erkrankung zuverlässig abgeklärt werden.
Die neue Zöliakie-Leitlinie unterstreicht die Bedeutung einer sorgfältigen Diagnostik. In der Regel werden zunächst bestimmte Antikörper im Blut untersucht. Abhängig vom Befund und vom Alter der Betroffenen kann zusätzlich eine Dünndarmbiopsie notwendig sein. Unter bestimmten Voraussetzungen lässt sich insbesondere bei Kindern aber auch ohne Gewebeentnahme eine sichere Diagnose stellen.
Entscheidend ist jedoch, dass die Untersuchungen stattfinden, solange die Betroffenen noch Gluten zu sich nehmen. Wer bereits vorher glutenfrei isst, riskiert, dass die für die Diagnose wichtigen Antikörperwerte sinken und sich die Darmschleimhaut erholt. Die Untersuchungsergebnisse können dann unauffällig ausfallen, obwohl tatsächlich eine Zöliakie besteht. Eine spätere sichere Diagnose kann dadurch erheblich erschwert werden. Unter Umständen müssen Betroffene unter ärztlicher Begleitung erneut über einen längeren Zeitraum Gluten essen – möglicherweise verbunden mit einer Rückkehr der belastenden Beschwerden. Deshalb gilt ausdrücklich auch für Eltern: Bei Verdacht auf Zöliakie zunächst ärztlich untersuchen lassen und erst nach gesicherter Diagnose konsequent glutenfrei leben. Wer bereits glutenfrei isst, sollte eine mögliche erneute Glutenbelastung nur nach ärztlicher Rücksprache beginnen.
Früherkennung statt jahrelanger Ungewissheit
Dr. Felber ging auch auf das fehlende allgemeine Zöliakie-Screening in Deutschland ein. Anders als bei einigen anderen Erkrankungen wird die Bevölkerung nicht flächendeckend untersucht. Stattdessen konzentriert sich die Diagnostik auf Menschen mit entsprechenden Beschwerden oder einem erhöhten Erkrankungsrisiko, etwa nahe Angehörige von Betroffenen oder Menschen mit Typ-1-Diabetes.
Umso wichtiger ist es, dass Ärztinnen und Ärzte die vielfältigen Anzeichen der Erkrankung kennen und auch bei weniger typischen Beschwerden an Zöliakie denken. Eine rechtzeitige Diagnose kann den Betroffenen einen langen Leidensweg ersparen.
Lebenslange Diät – aber kaum finanzielle Entlastung
Neben den medizinischen Aspekten beleuchtete Dr. Felber auch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Glutenfreie Spezialprodukte sind häufig erheblich teurer als vergleichbare herkömmliche Lebensmittel. Gerade Familien mit Kindern müssen dadurch dauerhaft zusätzliche Kosten tragen.
Obwohl die glutenfreie Ernährung keine freiwillige Entscheidung, sondern eine lebenslange medizinische Notwendigkeit ist, gibt es in Deutschland keine allgemeine steuerliche Entlastung für diese Mehrkosten. Auch die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen glutenfreie Lebensmittel in der Regel nicht.
Hinzu kommt eine aus Dr. Felbers Sicht unzureichende öffentliche Wahrnehmung. Noch immer wird eine glutenfreie Ernährung bei Zöliakie häufig als Ernährungstrend verstanden, statt als unverzichtbare Behandlung einer ernst zu nehmenden Autoimmunerkrankung. Für Betroffene bedeutet dies zusätzliche Herausforderungen – beim Einkaufen, in Restaurants, in Schulen und im gesellschaftlichen Alltag. Der Vortrag machte deutlich, dass Fortschritte in Forschung und Diagnostik allein nicht ausreichen. Ebenso notwendig sind gut informierte Ärztinnen und Ärzte, mehr gesellschaftliches Verständnis und eine angemessene Unterstützung der Betroffenen. Eine wichtige Rolle übernehmen dabei die Selbsthilfegruppen. Sie vermitteln verlässliche Informationen, fördern den Erfahrungsaustausch und geben Menschen mit Zöliakie und ihren Familien wertvolle Orientierung im Alltag.
Neues aus der Forschung
Einen spannenden Blick in die Zukunft der Zöliakie-Behandlung eröffnete anschließend der online zugeschaltete Prof. Dr. Dr. Detlef Schuppan, der weltweit zu den führenden Wissenschaftlern auf dem Gebiet der Zöliakie- und Medikamentenforschung zählt. Sein Vortrag verdeutlichte, wie komplex die Erkrankung ist, wie genau ihre Entstehungsmechanismen inzwischen verstanden werden und welche neuen therapeutischen Ansätze sich daraus ergeben.
Prof. Schuppan betonte, dass die Erkrankung häufig mit weiteren Störungen des Immunsystems einhergehe. Bei einem beträchtlichen Teil der erwachsenen Betroffenen treten zusätzliche Autoimmunerkrankungen auf, beispielsweise Erkrankungen der Schilddrüse oder ein Typ-1-Diabetes. Die Ursachen liegen in einem komplexen Zusammenspiel genetischer Voraussetzungen und weiterer Einflussfaktoren.
Warum das Immunsystem Gluten nicht vergisst
Eine entscheidende Rolle bei der Zöliakie spielen sogenannte T-Gedächtniszellen. Diese spezialisierten Abwehrzellen sorgen dafür, dass sich das Immunsystem über viele Jahre, möglicherweise sogar Jahrzehnte, an Gluten erinnert. Selbst wenn Betroffene konsequent glutenfrei leben, keine Beschwerden mehr haben und sich ihre Dünndarmschleimhaut vollständig erholt hat, können diese Zellen im Körper verbleiben.
Kommt der Körper erneut mit Gluten in Kontakt, erkennen die Gedächtniszellen den vermeintlichen Feind wieder und können eine erneute Immunreaktion auslösen. Das Immunsystem mobilisiert seine Abwehrkräfte – allerdings gegen einen eigentlich harmlosen Bestandteil unserer Nahrung. Die dadurch ausgelöste Entzündung kann wiederum die Dünndarmschleimhaut schädigen.
Ein körpereigenes Enzym als Schlüssel zur Erkrankung?
Wie präzise die moderne Forschung inzwischen in die Krankheitsmechanismen eingreifen kann, zeigt das Beispiel des Enzyms Transglutaminase 2 (TG2). Bei der Verdauung von Gluten entstehen kleinere Eiweißbruchstücke. Das körpereigene Enzym Transglutaminase 2 verändert einige dieser Bruchstücke chemisch, sodass diese vom Immunsystem leichter erkannt werden können. Dadurch können diese bei Menschen mit entsprechender genetischer Veranlagung besonders gut an bestimmte Moleküle des Immunsystems gebunden und den Abwehrzellen präsentiert werden. Das Immunsystem stuft diese Glutenbestandteile daraufhin als vermeintliche Gefahr ein. Spezialisierte T-Zellen werden aktiviert und setzen eine Entzündungsreaktion in Gang, die schließlich auch die körpereigene Dünndarmschleimhaut schädigt.
Neue Medikamente greifen gezielt in die Immunreaktion ein
Bis heute gibt es kein zugelassenes Medikament, das die konsequent glutenfreie Ernährung ersetzen könnte. Doch die Forschung verfolgt inzwischen mehrere vielversprechende Strategien.
Ein Ansatz besteht darin, Gluten bereits während der Verdauung mithilfe spezieller Enzyme so weit abzubauen, dass es möglichst keine schädliche Immunreaktion mehr auslösen kann. Bislang ist jedoch nicht ausreichend nachgewiesen, dass solche Verfahren zuverlässig vor den Folgen einer Glutenaufnahme schützen. Andere Wirkstoffe setzen unmittelbar an den Abläufen des Immunsystems an.
Besonders interessant ist der Wirkstoff mit der Bezeichnung ZED1227, an dessen Erforschung Prof. Schuppan maßgeblich beteiligt ist. Er hemmt gezielt die Transglutaminase 2 und soll damit einen entscheidenden Schritt unterbrechen, durch den Glutenbestandteile eine besonders starke Immunreaktion auslösen können. Klinische Studien haben bereits gezeigt, dass sich die glutenbedingte Schädigung der Dünndarmschleimhaut auf diese Weise verringern lässt.
Ein weiterer vielversprechender Forschungsansatz sind sogenannte monoklonale Antikörper. Dabei handelt es sich um biotechnologisch hergestellte Eiweißstoffe, die nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip ganz bestimmte Zielstrukturen des Immunsystems erkennen und durch ihre Bindung gezielt in dessen Abläufe eingreifen können. So lassen sich beispielsweise Signalwege entzündungsfördernder Botenstoffe wie Interleukin-15 gezielt beeinflussen. Die Hoffnung der Forschenden ist, dadurch die überschießende Abwehrreaktion zu bremsen und die empfindliche Dünndarmschleimhaut vor weiteren Schäden zu schützen.
Wenn Nanopartikel dem Immunsystem Toleranz vermitteln sollen
Während monoklonale Antikörper einzelne Vorgänge der Immunabwehr blockieren können, verfolgen weitere Studien mit Nanopartikeln einen anderen experimentellen Ansatz: Sie sollen dem Immunsystem helfen, Gluten künftig zu tolerieren, statt es als vermeintliche Gefahr zu bekämpfen.
Dazu werden winzige Nanopartikel entwickelt, die Glutenbestandteile umschließen. Diese werden beispielsweise von bestimmten Immunzellen in Leber und Milz aufgenommen. Dort sollen diese sehr geringen Mengen Gluten verarbeitet werden, ohne dass eine schädliche Immunreaktion entsteht. Man nennt dies immunologische Toleranz.
Hoffnung auf ein erstes Medikament
Wie dynamisch sich die Zöliakie-Forschung entwickelt, zeigen die Fortschritte verschiedener klinischer Studien. Besondere Aufmerksamkeit erregten die im Oktober 2026 bekannt gegebenen Ergebnisse einer Phase-2-Studie zum Antikörper mit der Bezeichnung FB102. Nach Angaben des Herstellers konnte der Wirkstoff die durch Gluten ausgelöste Schädigung der Dünndarmschleimhaut gegenüber einem Placebo verringern. Der Antikörper greift in die Signalübertragung des Immunsystems ein. Eine größere Phase-3-Studie soll nun weitere Erkenntnisse über Wirksamkeit und Sicherheit liefern.
Solche Entwicklungen geben Hoffnung, dass möglicherweise innerhalb der nächsten Jahre ein erstes Medikament zur ergänzenden Behandlung der Zöliakie zugelassen werden könnte – wenn die Ergebnisse bestätigt werden und die Zulassungsbehörden die Behandlung als ausreichend wirksam und sicher bewerten. Ein solches Medikament könnte künftig insbesondere vor den Folgen einer unbeabsichtigten Glutenaufnahme schützen.
Nach einem glutenfreien Imbiss ging es mit dem nächsten interessanten Thema weiter:
Glutenfreies Bier im Fokus der Forschung
Prof. Dr. Katharina Scherf stellte aktuelle Forschungsergebnisse zum Nachweis von Gluten in Bier vor. Bei der Herstellung glutenfreier Biere aus Gerstenmalz werden Glutenproteine teilweise in kleinere Eiweißbruchstücke, sogenannte Peptide, zerlegt. Diese unterscheiden sich unter anderem in ihrer Aminosäuresequenz, also der Reihenfolge der einzelnen Aminosäuren.
Die üblicherweise eingesetzten ELISA-Labortests (Enzyme-Linked Immunosorbent Assay, ein enzymgekoppeltes immunologisches Nachweisverfahren) erkennen mithilfe spezieller Antikörper bestimmte Abschnitte dieser Eiweißbruchstücke. Andere Peptide können dabei unentdeckt bleiben.
Eine aktuelle Studie des Forschungsteams um Prof. Scherf zeigt, dass sich mit der sogenannten nanoLC-MS/MS (ein besonders präzises Laborverfahren, welches mithilfe der Massenspektrometrie selbst kleine Eiweißbruchstücke erkennen und anhand ihrer Bausteine identifizieren kann) weitere Glutenpeptide nachweisen lassen, die von den eingesetzten ELISA-Tests teilweise nicht erkannt werden.
Die Forschungsergebnisse verdeutlichen das Potenzial moderner Analysemethoden: Durch die mögliche Kombination etablierter Testverfahren mit neuen, hochpräzisen Untersuchungsmethoden könnte die Kontrolle glutenfreier Lebensmittel künftig weiter verbessert und damit ein zusätzlicher Beitrag zur Lebensmittelsicherheit für Menschen mit Zöliakie geleistet werden.
• Oberarzt Harald Engelhardt, Leiter der Kindergastroenterologie in der Kinderklinik St. Marien, Landshut
• Prof. Dr. Katharina Scherf, Leibniz-Institut für Lebensmittel-Systembiologie an der TU München
• Dr. Jörg Felber, Ltd. Oberarzt Gastroenterologie, Klinikum Rosenheim
• Funktionsoberärztin Vanessa Stark, Kinderklinik St. Marien, Landshut
• Oberarzt Dr. Alexander Leuschner, Kinderklinik St.Marien, Landshut
• Nicht im Bild, da online zugeschaltet: Prof. Dr. Dr. Detlef Schuppan, Institut für Translationale Immunologie, Ambulanz für Zöliakie, Darmerkrankungen und Autoimmunität, Universitätsmedizin Mainz